Prozessautomatisierung 3 | 17

Der Abwehrstratege

ABB-Leitsystem verhindert Schädlingsplage im Bienenstock

Imker und Ingenieur – Wilhelm Reus ist in beiden Welten zuhause und verknüpft diese in einem innovativen Projekt: Zur Abwehr der schädlichen Varroamilbe steuert er die Behandlung seiner Bienenvölker mit dem ABB-Prozessleitsystem Freelance.

Wir erleben einen sonnigen Sommertag am Taunusrand: Auf dem weitläufigen Grundstück stehen zwischen Obstbäumen und Beerensträuchern viele Bienenstöcke. Tausende Bienen summen eifrig herum. Der Imker hat frischen Honig mitgebracht – morgens frisch geschleudert. Jetzt zieht sich der Bienenhalter seine Imkerbluse an, setzt den vernetzten Kopfschutz auf, entzündet den Smoker und drückt den Blasebalg. Der Rauch drängt die Bienen zurück. Dann öffnet der Imker den Bienenstock und prüft wie jede Woche die Waben.

Freelance gegen Varroamilben

Nichts an der idyllischen Szene deutet darauf hin, dass der sonnendurchflutete Garten zugleich Ort einer Schädlingsplage und einer ungewöhnlichen Strategie zu ihrer Abwehr ist: Imker Wilhelm Reus will seine Bienenvölker mithilfe einer vom ABB-Leitsystems Freelance gesteuerten Wärmebehandlung von Varroamilben befreien. „Der beste Zeitraum ist von April bis Juli, denn im August beginnt bei uns im Taunus für die Bienenvölker der biologische Winter“, sagt Wilhelm Reus, der bis 2003 ABB-Mitarbeiter in der Prozessautomatisierung war; seither berät er als selbstständiger Ingenieur.

Wilhelm Reus wendet sein Bienengesundheitsprogramm zeitsparend beim üblichen Nachschauen der Waben an. Von sechs Waben des Stocks setzt er zwei Waben in einen Behandlungsraum um. Die Temperatur wird langsam auf 42 °C geführt und ungefähr eine Stunde gehalten. Wilhelm Reus verwendet eine elektrische Heizeinrichtung, die die Wärme gleichmäßig an die Brutwabe abgibt. Zusätzlich kontrollieren bis zu 12 Temperaturfühler im Behandlungsraum die Erwärmung. Ziel dieses Konzepts ist es, die Zieltemperatur in der gesamten Wabe zugleich zu erreichen. Hier kommt das ABB-Prozessleitsystem Freelance in Form einer mobilen, gartentauglichen Automatisierungseinheit ins Spiel. „Freelance wertet die Temperaturen aus und steuert bei Bedarf über spezielle Regler in der Heizeinrichtung nach“, sagt Wilhelm Reus. Am Ende der Behandlungsdauer gibt Freelance das Signal zur Öffnung des Behandlungsraums. Danach können Bienen zur Brutpflege hinein und schlüpfende Bienen heraus.

Die sprichwörtlich emsigen Bienen sammeln am Taunus von April bis Anfang Juli Nektar.

Visualisierung sehr nützlich

Auf die Frage, ob ein potentes Leitsystem wie Freelance für die Pflege von ein paar Bienenvölkern nicht ein bisschen zu viel des Guten sei, antwortet Wilhelm Reus, wie es sich für einen Ingenieur gehört: „Freelance funktioniert in jeder Größenordnung hervorragend und lässt sich beliebig skalieren. Für die Abwehr von Milben im Bienenstock erscheint es zunächst vielleicht etwas überdimensioniert, aber spätestens bei der Auswertung ist die Visualisierung der Temperaturverläufe sehr nützlich und durchaus keine Spielerei.“ Hinzu kommt der geringe Arbeitsaufwand: „Die Methode benötigt nur zwei Minuten zusätzlich bei der wöchentlichen Durchsicht, also beispielsweise 40 Minuten bei 20 Völkern. Etablierte Methoden dauern dagegen bei 20 Völkern 20 Stunden pro Behandlung“, erläutert Wilhelm Reus.

In einer Kooperation mit der Frankfurt University of Applied Sciences, dem Institut für Bienenkunde der Polytechnischen Gesellschaft in Oberursel und einem mittelständischen Automatisierungsunternehmen will Wilhelm Reus seine Methode in den kommenden zwei Jahren mithilfe von Landesförderungsmitteln weiterentwickeln und zur Serienreife bringen.

Bei der Hyperthermieanwendung kommt eine mobile Freelance-Einheit zum Einsatz.

Präzise Wärme

Die Varroamilbe ist der häufigste Feind mitteleuropäischer Bienenbestände. Seit den 1970er-Jahren sind praktisch alle Völker befallen. Wenn die Imker nicht handeln, führt der Befall in zwei Jahren zum Tod ihrer Völker. Die herkömmliche Abwehrstrategie gegen die Varroamilbe setzt auf Arzneimittel und organische Säuren, die allerdings bei den Bienen zu Brutschäden führen können und sich erst nach der letzten Honigentnahme durchführen lassen. Unschädliche Alternative ist die Hyperthermie, die gezielte und präzise Behandlung mit Wärme, die auch während des Honig eintrages möglich ist. Die Imker nutzen die unterschiedliche Temperaturempfindlichkeit: Milben sterben bei 40 °C, Bienen und Bienenbrut überleben bis 45 °C. Die Hyperthermiebehandlungerfolgt mit ungefähr 42 °C.