Interview 1 | 15

„Wir wollen die beste Lösung gemeinsam mit dem Kunden finden“

Vor welchen Herausforderungen stehen Rechenzentren angesichts der immer größer werdenden Datenflut? Im Interview erklärt Andreas Ganz, Head of DataCenter Business Central Europe – Process Automation, wie ABB auf der Basis der Expertise aus der Industrie bei Rechenzentren neue Lösungswege beschreitet.

Warum sind Rechenzentren so wichtig für das Funktionieren der digitalen Welt?

Andreas Ganz: Rechenzentren spielen für jede Volkswirtschaft eine wesentliche Rolle, weil sie das Rückgrat der Digitalisierung darstellen. Es gibt klare Trends wie Big Data, immer mehr Traffic und Computing Power mit Steigerungsraten von jährlich 50 % sowie die Entwicklung zur Industrie 4.0, zum Internet der Dinge – das alles müssen wir technologisch beherrschen. Und das passiert in einem Rechenzentrum durch Speichern, Rechnen und Vernetzen. Weltweit geht die Tendenz bei Rechenzentren in Richtung eines eigenständigen Sektors mit Merkmalen, die wir aus der Industrie kennen. Es geschieht nur alles in kürzeren Zeiträumen.

 

Woher kommen heute die wesentlichen Impulse und wo sind die interessantesten Standorte?

Bei der Erstellung kreativer und innovativer Softwarekonzepte zum Betreiben eines Rechenzentrums sind Amerikaner die Vorreiter. Die innovative Software läuft aber auf einer Infrastruktur – und da sind wir in Europa immer noch die Weltmeister. In Deutschland profitieren wir von der historisch sehr guten elektrischen Infrastruktur, die weltweit einzigartig ist. Die Wahrnehmung hat sich zudem seit dem Bekanntwerden der NSA-Eingriffe deutlich gewandelt. Zuvor galt Deutschland als bürokratischer Standort mit zu teurem Strom und limitierten Möglichkeiten zur Internetnutzung; jetzt höre ich vielerorts: „Wir wollen nach Deutschland, hier ist alles sicherer.“

 

Welche Aspekte sind die wichtigsten beim Betrieb von Rechenzentren?

An oberster Stelle steht für alle Kunden die Verfügbarkeit. Kein Industrieunternehmen kann heute ohne seine IT-Infrastruktur funktionieren. Ausfälle der IT sind sofort geschäftskritisch für das gesamte Unternehmen; die entstehenden Umsatzausfälle und Kosten sind erheblich. Bei einem Co-Location-Rechenzentrum, in das verschiedene Kunden ihre IT-Hardware einbringen, bezieht sich die Verfügbarkeit eher auf Facility-Aspekte wie Gebäude, Strom und Kälte. Bei einem IT-Managed-Service-Kunden, der alles inklusive IT-Applikationen anbietet, bezieht sich die Verfügbarkeit eher auf die IT-Applikation. Nach der Verfügbarkeit kommt an zweiter Stelle sofort die Kosteneffizienz.

 

Auf welche Weise kann Verfügbarkeit in Zukunft möglichst kosteneffizient gewährleistet werden?

Diese Anforderung an die Rechenzentrumsbetreiber wird interessant, denn sie können die Verfügbarkeit auf verschiedene Weise sichern: entweder durch ein einzelnes, sehr großes Rechenzentrum mit vielfältigen Redundanzen oder durch mehrere kleinere, kostengünstige Rechenzentren, bei denen die physischen Risiken durch die geografische Verteilung unter Kontrolle sind und deren IT-Infrastruktur virtualisiert wird. Dieses Szenario einer verteilten Infrastruktur ist der nächste logische Schritt, denn als Nutzer ist es mir egal, wo die Rechenleistung, die hinter dem Service steht, gerade ausgeführt wird.

 

Welchen Weg beschreitet ABB bei der Planung eines Rechenzentrums?

Beim Design und bei der Planung eines Rechenzentrums bevorzugen wir den Weg, den wir von geschäftskritischen Anlagenteilen in der Industrie am besten kennen. Das heißt allerdings nicht, dass wir unseren Rechenzentren-Kunden – von denen wir extrem viel lernen können – eine industrielle Vorgehensweise verordnen. Wir sprechen mit den Kunden, definieren, was gewünscht ist, grenzen auch ab, setzen Milestones und dann wird die Lösung entsprechend umgesetzt. Dass wir als ABB sehr breit aufgestellt sind und viele verschiedene Ansätze verfolgen können, kommt uns hier sehr zugute. Wir sind innovative Ingenieure, die die beste Lösung gemeinsam mit dem Kunden finden wollen. Gleichzeitig können wir praktisch alle elektrotechnischen Komponenten anbieten, die bei Rechenzentren gebraucht werden.

 

Inwiefern müssen Sie Überzeugungsarbeit leisten, um Innovationen in Rechenzentren umzusetzen?

Die Entwicklung geschieht nicht über Nacht. Bei jedem neu gebauten Rechenzentrum versuchen wir, neue Gedanken Schritt für Schritt umzusetzen, um Innovationen einzubringen – so entwickelt sich in einem evolutionären Prozess die Zukunft. Wir wissen, dass kein Kunde in seinem Rechenzentrum eine Revolution akzeptieren würde, denn das wäre mit einem viel zu hohen Risiko verbunden, dass sein Geschäft negativ beeinflusst werden könnte. Unser Arbeitsstil ist, gemeinsam schrittweise an Innovationen weiterzuarbeiten. Und das schätzen nach meinen Erfahrungen auch die ABB-Kunden.

 

Wie viel Innovationspotenzial besteht bei der Kühlung von Rechenzentren?

Grundsätzlich besteht bei der Kühlung noch sehr viel Potenzial. In einem Rechenzentrum setze ich bisher fast genauso viel Energie dafür ein, die Hitze wieder wegzubekommen, wie für die Versorgung der IT. Wenn wir nicht den Mehrwert der ITApplikationen hätten, wäre es aus physikalischer Sicht eine reine Energievernichtungsmaschine. Eine Optimierung könnte schon bei den einzelnen Netzteilen der IT-Hardware anfangen, die nicht besonders hochwertig sind und viel Hitze abgeben. Eine grundsätzlichere Lösung stellen unsere innovativen Kühlkonzepte dar, die präventiv ausgelegt sind. Dazu gehört, dass wir die Kühlleistung auf die Rechenleistung abstimmen und dass wir auch vor oder nachkühlen. Wenn ich beispielsweise weiß, dass morgen mein Strom teurer wird, könnte ich heute das Rechenzentrum um ein paar Grade abkühlen und dann am Folgetag von diesem Kältepuffer zehren. Ich speichere also Energie in Form von Kälte.

 

Ein Blick voraus: Welche Aspekte werden die Entwicklung bei Rechenzentren in den kommenden 10 bis 20 Jahren am stärksten beeinflussen?

Der Leistungsbedarf beim Rechnen, Speichern und Vernetzen wird weiter zunehmen. Unsere Welt wird immer vernetzter sein. Wir müssen den wachsenden Anforderungen an Verfügbarkeit und Kosteneffizienz bei dem, was wir machen, gerecht werden. Der Trend geht in Richtung Software und verteilte Systeme; die Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten im Rechenzentrum und bei der Energieversorgung bekommt immer mehr Bedeutung. Die Frage standardisierter Schnittstellen wird deshalb in Zukunft eine immer größere Rolle spielen.