Interview 4 | 20

„Stärken von Menschen und KI nutzen“

Interview mit Prof. Dr.-Ing. Prof. E. h. Wilhelm Bauer

Prof. Dr.-Ing. Prof. E. h. Wilhelm Bauer ist Geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, Stuttgart, Mitglied im Präsidium der Fraunhofer-Gesellschaft, Technologiebeauftragter des Landes Baden-Württemberg und Mitglied der acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften.

Welche Trends werden in den kommenden Jahren die Arbeitswelt insbesondere in der Industrie bestimmen?

„Trends“ ist ein zu schwaches Wort für die vielfältigen Veränderungen und signifikanten Fortschritte, die unsere Arbeitswelt heute schon prägen. Flächendeckendes Homeoffice und virtuelle Zusammenarbeit sind Beispiele dafür, wie weit wir in den Bereichen der Flexibilisierung und der Digitalisierung schon fortgeschritten sind. Digitalisierung und Automatisierung werden zukünftig prägend sein für die Entwicklung. Auch die Themen Datenökonomie und Nachhaltigkeit sind richtungsgebend für viele Unternehmen. Die Auswirkungen dieser Themen auf die Arbeitswelt, gepaart mit der Pandemie-induzierten Beschleunigung, führen zu einem „New Normal Work“. Dieses im Hinblick auf Resilienz und unter ethischen und soziökonomischen Aspekten zu etablieren, wird die zentrale Aufgabe der nächsten Jahre.

Welche Technologien werden die Veränderung antreiben?

Das sind zum einen Technologien, die unsere tägliche Arbeit unterstützen, zum Beispiel Tools für die virtuelle Zusammenarbeit, Virtual- und Augmented Reality oder KI-gestützte Assistenzsysteme und Robotic Process Automation in neuen Mensch-Technik-Netzwerken. Und zum anderen sind das Technologien, die komplett neue Geschäftsmodelle oder -prozesse ermöglichen, wie etwa automatisierte Geschäftsprozesse, autonome Systeme in Fahrzeugen, kognitives Internet.

Welche Herausforderungen müssen die Beschäftigten in der gewandelten Arbeitswelt bestehen?

Ganz aktuell müssen wir alle die durch COVID-19 disruptiv veränderte Arbeitswelt meistern und gleichzeitig die Gesundheit der Mitarbeitenden schützen. Eine große Herausforderung der nächsten Jahre sehe ich darin, die neuen KI-basierten Assistenzsysteme so in die Arbeitswelt zu integrieren, dass sie von den Menschen nicht nur verstanden und akzeptiert, sondern auch wertgeschätzt werden. Das wird uns aber nur dann gelingen, wenn sowohl die Beschäftigten flexibel und lernbereit sind als auch die Unternehmen konsequent und strategisch in die Themen Qualifizierung und Kompetenzaufbau investieren. Beides ist unerlässlich, um die jeweiligen Stärken von Menschen und KI-basierten Systemen zu nutzen.

Welche Vorteile hat die Entwicklung für Wirtschaft und Gesellschaft?

Wenn es gelingt, die mit den neuen Technologien verbundenen Chancen zu nutzen – und auch die mit ihnen verbundenen Risiken zu minimieren –, dann werden wir nicht nur unsere Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, sondern auch die Menschen bei ihrer Arbeit und Lebensgestaltung unterstützen. Wir werden den Lebensstandard verbessern und den negativen Konsequenzen des demografischen Wandels entgegenwirken können. Das sind Ziele, für die es sich lohnt, die technologischen Veränderungen im Sinne der Menschen zu gestalten.

Ein Blick voraus: Welche Elemente, die heute kaum jemand kennt, werden in unsere Arbeitswelt in 20 Jahren ganz alltäglich sein?

Welche einzelnen Technologien oder Produkte in 20 Jahren alltäglich sein werden, kann heute niemand mit Sicherheit sagen. Aber wir haben in der Fraunhofer Foresight-Studie aufgezeigt, welche Themen im Jahr 2030 in der Forschung besonders relevant sein werden. Das sind unter anderem Quantentechnologien oder Gehirn-Maschine-Schnittstellen. Es ist davon auszugehen, dass dann zehn Jahre später signifikante Anwendungen im Alltag angekommen sein werden.

Quelle: Foresight-Fraunhofer: Zukunftsthemen für die angewandte Forschung
https://www.fraunhofer.de/content/dam/zv/de/forschung/Sonstiges/Foresight-Fraunhofer.pdf