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Interview 4 | 18

„ Ferndiagnose ist das Mittel der Wahl“

Prof. Karl-Heinz Niemann, Lehrgebiet Prozessinformatik und Automatisierungstechnik, Hochschule Hannover

Industrielle Prozesse sind im Wandel: Inwiefern befinden sich Automatisierung und Produktion heute durch die immer umfassendere Nutzung von Anlagendaten in einem Umbruch? Welche Rolle spielen Systeme zur Ferndiagnose?

Die Märkte werden meines Erachtens in Zukunft noch globaler sein, als das heute der Fall ist. Das bedeutet, dass Unternehmen ihre Produkte weltweit vertreiben werden. Nicht jedes Unternehmen wird an jedem Punkt der Erde eine Service-Einheit unterhalten können oder wollen. Um dennoch einen guten Service bieten zu können, wird die Ferndiagnose das Mittel der Wahl sein – für einen umfassenden Support auch in entfernten Regionen.

 

Welchen Nutzen ziehen Anlagenbetreiber aus der immer stärker datengetriebenen, digitalisierten Produktion? Verfügbarkeit, vorausschauende Wartung, geringere Kosten – was ist am wichtigsten und warum?

Die Digitalisierung sorgt dafür, dass Anlagenkomponenten „intelligent“ werden. Firmen, die bisher elektromechanische Komponenten in Produktionsanlagen liefern, werden künftig intelligente Komponenten auf der Basis cyber-physischer-Systeme anbieten. Damit verbunden wird der Lieferant einen Mehrwert bieten können, der über das bisherige Reparatur- und Instandhaltungsgeschäft hinausgeht. Die Betreiber profitieren in der Form, dass die Lieferanten nicht nur Komponenten, sondern auch Dienstleistungen in die Anlage einbringen können. Der Betreiber wird so von alltäglichen Routineaufgaben im Bereich der Wartung und Instandhaltung entlastet und kann sich auf sein Kerngeschäft fokussieren.

Stichwort Cybersecurity: Wie kann die Sicherheit von Anlagen und Produktion gewährleistet werden, wenn umfangreiche Datensätze analysiert werden?

Hier gibt es schon verschiedene Ansätze. Die Norm IEC 62443-3-3 betrachtet zum Beispiel den Datenfluss über Systemgrenzen hinweg und stellt entsprechende Anforderungen in Bezug auf die Absicherung. Auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hat im Dokument BSI-CS 108 Anforderungen an eine sichere Fernwartung definiert. Die Berücksichtigung dieser Anforderungen, beispielsweise durch Multi-Faktor-Authentifizierung, automatisches Schließen der Verbindung nach Ablauf einer bestimmten Zeit, Nutzen von demilitarisierten Zonen oder Nutzung einheitlicher Konzepte, kann die Sicherheit von Produktionsanlagen, auch bei Kommunikation nach außen, sicherstellen.

Ein Blick voraus: Welche digitalen Services werden die Produktion in den kommenden zehn bis 20 Jahren prägen?

Es gilt das geflügelte Wort, Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Aber ich versuche es einmal: Meines Erachtens werden sich da Dienste und Services etablieren, wo ein Komponentenlieferant seinem Kunden einen Mehrwert liefern kann. Wo früher vielleicht nur ein Extruder geliefert wurde, steht künftig ein Angebot, diesen Extruder aus der Ferne zu überwachen und bei Bedarf zu warten oder zu reparieren, ohne dass sich der Nutzer darum kümmern muss. Durch eine ausgefeilte Sensorik kann der Komponentenlieferant schon frühzeitig Probleme erkennen, bevor es zu erhöhtem Verschleiß oder zu Schäden kommt.

Darüber hinaus werden Systeme, zum Beispiel der industriellen Kommunikation, so intelligent werden, dass sie die Kommunikationsqualität automatisch überwachen und einen Abfall der Übertragungsqualität oder einen Engpass in der Bandbreite so erkennen und melden, dass ein Anlagenstillstand vermieden wird. Solch ein Dienst kann beispielsweise auch vom Lieferanten der Netzwerkkomponenten erbracht werden.

Wichtig bei diesen Beispielen ist, dass parallel zu den technischen Lösungen auch die passenden Geschäftsmodelle mit entwickelt und am Markt etabliert werden.