Energietechnik 4 | 19

Der Saphir von Dieburg

Bahnbrechende Photovoltaikdachanlage

Eine der größten Photovoltaikdachanlagen Deutschlands steht in Südhessen. MaxSolar hat auf einer Logistikhalle in Dieburg ein Solarkraftwerk realisiert, das erstmals die begehrte Förderung durch die Bundesnetzagentur erhalten hat. Auch ABB hatte Anteil am Erfolg.

Schon von Weitem sieht man aus der Luft das blaue Funkeln: Wie ein gigantischer Saphir schimmert das Dach der Spedition Fiege im ­hessischen Dieburg. Hier steht eine PV-Dachanlage, die seit Anfang 2019 in Betrieb ist und nicht weniger als 6,4 MWp leistet. 20.365 Module vom Typ Q.Peak Duo-G5 mit je 315 W Leistung hat der Ingenieursdienstleister MaxSolar dafür verbaut. Damit ist die Anlage die größte ihrer Art in Hessen und eine der fünf größten im gesamten Bundesgebiet. Den Großteil der erzeugten Energie speist die Anlage ins Netz. Sie ermöglicht, dass jedes Jahr 3.193 t CO₂-Emissionen vermieden werden.

Freiflächenanlagen im Vorteil

Seit dem 1. Januar 2017 müssen in Deutschland alle Solaranlagen, die mehr als 750 kWp leisten und nicht der Eigenversorgung dienen, an den Ausschreibungen der Bundesnetzagentur (BNetzA) teilnehmen. Ziel ist es, nur die wirtschaftlichsten Projekte mit Mitteln aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) zu fördern. Konstruktionsbedingt haben Dachanlagen gegenüber Freiflächenanlagen deutliche Nachteile – zum Beispiel, wenn es um den Brand- und Blitzschutz oder um statische Anforderungen geht. Daher erhielten sie bisher stets den Vorzug bei der Förderung.

Konkurrenzfähiges Konzept

Mit dem Projekt in Dieburg hat jetzt zum ersten Mal überhaupt eine Dachanlage die begehrte Förderung der BNetzA erhalten. MaxSolar hat gezeigt, dass auch auf Dächern konkurrenzfähige Solarkraftwerke umgesetzt werden können – allerdings nur, wenn die Bedingungen stimmen. Das betont MaxSolar-Geschäftsführer Christoph Strasser: „Aktuell müssen im Großanlagensegment in sich stimmige Rahmenbedingungen vorliegen, damit solche Kraftwerke maßgeschneidert umgesetzt werden können. Eine Standardisierung ist erst ab 30.000 m2 ­Fläche möglich – dann aber durchaus lohnenswert.“

Eigenversorgung dank Kniff

Bei den durch die BNetzA geförderten Anlagen muss der produzierte Strom ins Netz eingespeist werden. Um das Speditionsgebäude selbst mit erneuerbarer Energie versorgen zu dürfen, hat MaxSolar einen Teil deshalb zunächst als eigenständige 750-kWp-Anlage projektiert. Diese Konstellation von zwei Anlagen auf einer Fläche, die separat im Stammdatenregister der BNetzA eingetragen sind, ist beim Netzbetreiber inzwischen akzeptiert. Einzige Voraussetzung: Die Inbetriebnahme der 750-kWp-Anlage muss vor der Inbetriebnahme der Ausschreibungsanlage erfolgen.

Anbindung an das Mittelspannungsnetz

Auch ABB hatte einen gewichtigen Anteil an dem Erfolgsprojekt. Drei Trafostationen mit je 2.000 kVA Leistung sorgen für die Anbindung der Solaranlage an das Mittel­spannungsnetz. Mittelspannungsschalt­anlagen vom Typ SafePlus CV und CCV, Schutzgeräte vom Typ REF615 sowie der Leistungsschalter Emax2 ergänzen die Komplettlösung. Lukas ­Didden, Product Marketing Manager Compact Secondary Substation bei ABB, sagt: „Die sehr kurze Lieferzeit, ein attraktiver Preis und die ­Flexibilität gegenüber den Anforderungen waren ausschlaggebend für den Kunden.“

Vor diesem Projekt war von ABB noch nie eine Niederspannungshauptverteilung mit einem Sammelschienenstrom von über 2.500 A gebaut worden

Niederspannungshauptverteilung in neuer Dimension

Vor diesem Projekt war von ABB noch nie eine Niederspannungshauptverteilung mit einem Sammelschienenstrom von über 2.500 A in einer Compact Secondary Substation (CSS) verbaut worden. „Bei 100%iger Belastung des Trafos reden wir von einem niederspannungsseitigen Sammelschienenstrom von knapp 2.900 A. Also musste ein komplett neues Layout der Niederspannungsverteilung entwickelt und engineered werden“, erklärt Didden. Mit Erfolg: Das ent­wickelte Konzept funktioniert sogar bei Strömen von bis zu 3.200 A. Da drei Einspeiseleisten separat gemessen werden, musste ABB zudem das Sammelschienensystem so überarbeiten, dass Verrechnungswandler auf den Hauptsammelschienen montiert werden konnten.

Trafostationen aus GFK

In diesem Fall ist nicht nur die verwendete Technik, sondern auch das Design der kompakten Trafostationen interessant. Erstmals verwendete ABB das Modell UniPack-G, wobei G für glasfaserverstärkten Polyester (GFK) steht. Obwohl das Material leichter ist, besitzt das GFK-Design mechanische Eigenschaften, die mit Beton vergleichbar sind und die Eigenschaften von Stahlstationen übertreffen. Das Design ist weder korrosions- noch rissanfällig. Durch das Doppelwanddesign werden sogar die thermischen Eigenschaften von herkömmlichen Gehäusen übertroffen.

„Der Kontakt zu den Verantwortlichen bei MaxSolar ist weiterhin sehr eng“, sagt Lukas Didden. „Seit dem Projekt Dieburg haben wir sieben weitere Stationen an MaxSolar verkauft; vier davon wurden bereits ausgeliefert und in Betrieb genommen.“